Begriffe & Grundlagen
Terminologie, Schutzziele, Sliding Scale of IT-Security
Glossar
CIA-Schutzziele (NIST)
Wann liegt ein IT-Security Incident vor?
NIST-Kerndefinition: Ein Incident liegt vor, wenn C, I oder A verletzt wird oder potenziell verletzt werden könnte — Absicht oder tatsächlicher Schaden sind nicht Voraussetzung.
Sliding Scale of IT-Security (SANS / Robert M. Lee)
Fünf Kategorien von IT-Sicherheitsinvestitionen. Bedeutung und Kosten steigen von links nach rechts; jede Kategorie baut auf der vorherigen auf — außer Offense, das primär Regierungen vorbehalten und rechtlich riskant ist.
Angreifer & Angriffsmodelle
Cyber Kill Chain, Erweiterungen, Unified Kill Chain
Cyber Kill Chain (Lockheed Martin, deterministisch)
- Alle 7 Phasen müssen durchlaufen werden; Kompromittierung ist erst mit Phase 7 vollständig
- Verteidigung erfolgt über alle Phasen — je früher die Erkennung, desto mehr Handlungsspielraum
- Kernfrage des Modells: „Wie kam der Angreifer ins Netzwerk?“ — nicht, was danach passiert
| Pros | Cons |
|---|---|
| Strukturiert Angreiferverhalten; klar abgegrenzte Phasen; integriert Intelligence | Phasen nur einmal durchlaufbar (keine Loops); oft unrealistisch; zu grob |
Erweiterungen im Überblick
| Modell | Kernänderung | Loops? |
|---|---|---|
| Laliberte | Weaponization entfernt, Lateral Movement zw. C2 und Actions ergänzt | Nein |
| Nachreiner 3.0 | C2, Lateral Movement & Pivoting zusammengefasst; Defender in jeder Phase verantwortlich | Nein |
| Bryant et al. | Fokus auf späte Phasen, Phase/Task/Sensor-Mapping, +Exfiltration | Nein |
| Malone Expansion | Erste substanzielle Verbesserung: Spiralmodell (Recon→Escalation→Exploit→Lateral Movement→zurück) | Ja (Spirale) |
Unified Kill Chain (vereint alle Modelle, iterativ)
| Modell | Primäre Anwendung |
|---|---|
| Cyber Kill Chain (Original) | Frühe IR-Stadien — initialen Zugang verstehen, aktive Netzwerkverteidigung |
| Unified Kill Chain | Post-Incident-Analyse — detaillierte Untersuchung des gesamten Verlaufs, Modellierung spezifischer Angreifer |
Threat Intelligence
Intelligence Lifecycle, IoCs, Pyramid of Pain, Intelligence-Ebenen
Was ist ein Threat?
Eine Bedrohung entsteht erst, wenn drei Aspekte zusammenkommen — fehlt einer, ist es nur Potential, nicht Threatening:
Von Daten zu Intelligence
Intelligence Lifecycle
3 Typen von IoCs
IoC-Lebenszyklus: Uncovered → Used → Passive → Aged → Report/Retire — bestimmt allein durch den Angreifer.
Pyramid of Pain (David Bianco)
Je höher der erkannte IoC-Typ in der Pyramide liegt, desto schmerzhafter ist es für den Angreifer, ihn zu ändern — und desto wertvoller für die Verteidigung.
3 Ebenen der Intelligence
| Ebene | Charakter | Beispiele |
|---|---|---|
| Tactical | Hochgradig vergänglich, unterstützt IR direkt | IoCs, Phishing-Mails, Domains, Patches |
| Operational | Zeitkritisch, weitreichend, mehr Kontext | Kampagnen-Reichweite, weitere Ziele |
| Strategic | Jahre der Analyse, nationale/politische Trends | Angreifer-Trends, neue TTPs, Architekturbedarf |
4 Typen der Threat Detection
MITRE ATT&CK
14 Taktiken · 236 Techniken · attack.mitre.org
TTP-Konzept
ID-Schema: Tactic TA00XX · Technique T1XXX · Sub-Technique T1XXX.00X
Die 14 Taktiken der Enterprise Matrix
| ID | Taktik | #Techn. | Ziel |
|---|---|---|---|
| TA0043 | Reconnaissance | 10 | Informationen für die Angriffsplanung sammeln |
| TA0042 | Resource Development | 8 | Eigene Infrastruktur und Ressourcen aufbauen |
| TA0001 | Initial Access | 10 | Ersten Fuß ins Zielnetzwerk setzen (Phishing T1566, Exploit Public-Facing App T1190) |
| TA0002 | Execution | 14 | Angreifer-kontrollierten Code ausführen (T1059) |
| TA0003 | Persistence | 20 | Zugang über Neustarts hinweg erhalten (Webshells T1505.003) |
| TA0004 | Privilege Escalation | 14 | Höhere Berechtigungen erlangen |
| TA0005 | Defense Evasion | 44 | Erkennung vermeiden — größte Taktik im Framework |
| TA0006 | Credential Access | 17 | Zugangsdaten stehlen (OS Credential Dumping T1003, Mimikatz) |
| TA0007 | Discovery | 32 | Wissen über Systemumgebung gewinnen (Living off the Land) |
| TA0008 | Lateral Movement | 9 | Horizontal durch das Netzwerk bewegen (RDP, SMB, SSH — T1021) |
| TA0009 | Collection | 17 | Daten für Exfiltration sammeln |
| TA0011 | Command & Control | 18 | Kommunikation mit kompromittiertem System aufrechterhalten |
| TA0010 | Exfiltration | 9 | Gesammelte Daten aus dem Netzwerk schleusen |
| TA0040 | Impact | 14 | Manipulieren, stören, zerstören (Ransomware T1486) |
Wichtige Techniken (Auswahl)
T1566 Phishing (+ Spearphishing Attachment/Link/Service/Voice) · T1190 Exploit Public-Facing ApplicationT1003 OS Credential Dumping (Mimikatz, NTDS.dit) · T1110 Brute Force (Password Spraying)T1053 Scheduled Task/Job · T1505.003 Web Shell (Persistence)T1059 Command & Scripting Interpreter (PowerShell, cmd) · T1486 Data Encrypted for Impact (Ransomware)Warum TTPs für IR entscheidend sind
- TTPs liegen in der Pyramid of Pain ganz oben — höchster Verteidigungswert; für den Angreifer am teuersten zu ändern
- Forensische Analyse: gefundene Artefakte lassen sich konkreten ATT&CK-Techniken zuordnen → strukturierte Untersuchung
- Threat Hunting: Hypothesen anhand bekannter TTPs eines Threat Actors aufstellen
- Reporting: standardisierte ATT&CK-IDs erleichtern die Kommunikation zwischen CERTs
- ATT&CK ist die gemeinsame Sprache der IT-Sicherheitsgemeinschaft — Unified Kill Chain ist teilweise davon abgeleitet
Der IR-Prozess
Lifecycle, Teams, 7Ds, Course of Actions, Prinzipien
IR Process (Gerard Johansen, 6 Phasen)
IR Cycle (erweitertes Modell) ergänzt zwei Punkte: Scoping (bestimmt den Untersuchungsumfang) und Intelligence Development (in die Containment-Phase integriert, verhindert Fehlentscheidungen).
Die 4 Kernrollen im IR-Team
SOC vs. CERT vs. IT-Forensics-Team: SOC = zentrale operative Defensive (Passive Defense Technology). CERT/CSIRT = Forschung, Erkennung, IR — zentraler Ansprechpartner. IT-Forensics = Beweissicherung und -analyse, meist nicht im Tagesbetrieb.
Die 7 Defenses (7Ds) (Hutchins, Cloppert & Amin)
In jeder Kill-Chain-Phase stehen dem Defender diese Maßnahmen zur Verfügung — abgebildet in einer Course-of-Actions-Matrix (Phase × 7D):
Merkhilfe: 3× „Di“ (Discover, Detect, Disrupt) + 2× „De“ (Deny, Degrade) + 2× „D“ (Deceive, Destroy).
Digital Forensics — im Kontext von IR
- Regel 1 & 2 der Forensik: 4-Augen-Prinzip · Beweise nicht verändern
- Timelines vs. Kill Chains: Timelines rekonstruieren rückblickend, Kill Chains unterstützen laufende Incidents flexibler — beide sind ineinander konvertierbar
Triage — 3 Schweregrade
| Level | Charakteristik |
|---|---|
| Low | Unannehmlichkeiten/wiederherstellbare Schäden, kaum Business-Impact |
| Moderate | Beschädigung ersetzbarer Informationen ohne vollständige Kompromittierung, signifikante Unterbrechung möglich |
| High | Verlust kritischer/strategischer Informationen, weitreichender Kontrollverlust, Imageschäden |
5 Key Principles erfolgreichen IR
Kommunikation im Incident
Informationsflussmodelle & Traffic Light Protocol 2.0
Bell-LaPadula vs. Biba
| Aspekt | Bell-LaPadula | Biba |
|---|---|---|
| Schutzziel | Confidentiality | Integrity |
| Read | No Read Up | No Read Down |
| Write | No Write Down | No Write Up |
Merktrick: Bell-LaPadula = „keine Geheimnisse nach unten, keine Spionage nach oben“. Biba = gespiegelt — „kein Lesen aus unsicheren Quellen, kein Schreiben nach oben“.
Das IR-Kommunikationsdilemma
Intelligence-driven IR lebt vom Informationsaustausch — aber nur an vertrauenswürdige Stellen, ohne dass Angreifer mitlesen. Militärische Klassifikation (VSA) skaliert dafür schlecht. Lösung: Kontext wechseln — wer muss die Information gerade wissen? → Traffic Light Protocol.
TLP 2.0 — die vier Labels
Die 6 TLP-Prinzipien
- Es gibt Abstufungen bei Verarbeitung und Weitergabe — das Label
- Der Sender definiert das Label und bringt es sichtbar an
- Alle übermittelten Informationen werden diesem Label zugeordnet
- Sender ergänzt Informationen mit einem TLP-Informationsblatt
- Der Empfänger akzeptiert das Label und hält die Klassifikation ein
- Bei Verstoß: Empfänger gilt als nicht mehr vertrauenswürdig → nur noch TLP:CLEAR-Niveau
Fallbeispiel: gleiche Situation, gestufte Kommunikation
| Label | Empfänger | Formulierung |
|---|---|---|
| RED | Führungsebene, Beteiligte | Voller Scope inkl. Namen, Systeme, Angreifer-Identität |
| AMBER | Organisation + betroffene Kunden | Betroffenes System, Handlungsbedarf — keine Namen, kein Angreifer |
| GREEN | IT-Security-Community, CERTs | Schwachstelle + IoCs — kein Personen-/Systembezug |
| CLEAR | Öffentlichkeit, Presse | Nur „eingeschränkt verfügbar“, keine operativen Details |
Diamond Model
Core & Meta Features, Pivoting, Activity Threads & Groups
Warum ergänzend zur Kill Chain?
Die Kill Chain qualifiziert gesammelte Intelligence nicht ausreichend. Das Diamond Model fügt Tiefe hinzu: jedes Datenstück eines Angriffs lässt sich auf eine der vier Ecken abbilden — das ermöglicht Single- und Cross-Intrusion-Analyse. Es ersetzt die Kill Chain nicht, sondern ergänzt sie.
Die 4 Core Features
6 Meta Features
- Timestamp — Start/Ende, ermöglicht zeitliche Gruppierung
- Phase — Verknüpfung mit der Kill-Chain-Phase
- Result — Post-Bedingungen, oft beschreibbar via CIA
- Direction — Netzwerkrichtung, relevant für Mitigation
- Methodology — allgemeine Klasse der Aktivität
- Resources — Software, Knowledge, Information, Hardware, Funds, Facilities, Access
Jedes Feature trägt einen eigenen Confidence Value (0–100 %, Sherman-Kent-Skala).
7 Axiome (Kern)
- Axiom 1: In jedem Event nutzt ein Adversary eine Capability über Infrastructure gegen ein Victim, um ein Ergebnis zu erzielen
- Axiom 6: Zwischen Adversary und Victim besteht immer eine Beziehung — und sei sie noch so indirekt
- Axiom 7: Ein Persistent Adversary (APT) hält Effekte über Zeit aufrecht und widersteht Mitigationsversuchen
Pivoting — vier Ansätze
| Pivot-Typ | Startpunkt | Schwierigkeit |
|---|---|---|
| Victim-centered | Victim-Beobachtungen | Einfach — typischer IR-Einstieg |
| Capability-centered | Malware/Exploit | Mittel — TI-Analyse nötig |
| Infrastructure-centered | IPs/Domains | Mittel — aus Logs extrahierbar |
| Adversary-centered | Bekannter Threat Actor | Schwer — nur bei 100 % Sicherheit sinnvoll |
Wahrscheinlichkeiten entlang eines Pfades werden multipliziert: P(Pfad) = p₁ × p₂ × … × pₙ. Bei mehreren Pfaden gilt immer der stärkste (höchste Wahrscheinlichkeit).
Drei Analyse-Konzepte für komplexe Investigations
Vertikale Korrelation füllt Lücken innerhalb eines Threads. Horizontale Korrelation verknüpft zwischen Threads verschiedener Victims und deckt gemeinsame Merkmale (Modus Operandi) auf.
Hypothesen & Entscheidung
Satisficing, seine Schwächen, und Analysis of Competing Hypotheses (ACH)
Optimal vs. suboptimal
Optimale Strategien garantieren das beste Ergebnis, sind aber rechenintensiv und overfitten leicht bei wackligen Modellannahmen. Suboptimale Strategien liegen unter dem Optimum, sind aber oft gut genug und schneller anwendbar — im IR häufig die pragmatischere Wahl (Analogie: John Snows Cholera-Kartierung 1854 — kein Beweis, aber richtiges Handeln).
Satisficing (satisfying + suffice)
Die Standardmethode der meisten Analysten: die erste „gut genug“ erscheinende Hypothese wählen, statt alle Alternativen systematisch zu prüfen.
Die drei Schwächen des Satisficings
Analysis of Competing Hypotheses (ACH)
Strukturierte Gegenmaßnahme zu den Satisficing-Schwächen: alle vernünftigen Hypothesen explizit identifizieren und gegeneinander konkurrieren lassen — statt sie einzeln nacheinander zu bewerten.