Referenzblatt

Incident Response Cheatsheet

Referenz für Intelligence-driven Incident Response: Begriffe, Angreifer- und Angriffsmodelle, Threat Intelligence, MITRE ATT&CK, der IR-Prozess selbst, Kommunikation im Vorfall, das Diamond Model und strukturierte Hypothesenbildung.

Terminologie & Modelle Kill Chain / ATT&CK IR-Prozess & Teams Diamond Model Entscheidungsfindung
01Begriffe & Grundlagen 02Angreifer & Angriffsmodelle 03Threat Intelligence 04MITRE ATT&CK 05Der IR-Prozess 06Kommunikation 07Diamond Model 08Hypothesen & Entscheidung
01

Begriffe & Grundlagen

Terminologie, Schutzziele, Sliding Scale of IT-Security

Glossar

Adversary / Threat
Der Angreifer als Akteur — Einzelperson, Team, Unternehmen oder Regierung. Threat ≠ Vulnerability.
Intrusion (Set)
Erfolgreicher oder gescheiterter Kompromittierungsversuch. Ein Intrusion Set fasst verknüpfbare Intrusions zusammen.
Threat Actor
Akteur, der eindeutig über mehrere Intrusions hinweg per attribution-based clustering verfolgt wird.
Target vs. Victim
Target = beabsichtigtes Ziel. Victim = tatsächlich kompromittiertes System/Individuum.
Campaign
Angreifer-Operation, die sich auf ein bestimmtes Ziel konzentriert.
Intelligence
Ergebnis aus Sammlung, Verarbeitung, Analyse, Bewertung und Interpretation verfügbarer Informationen.
CERT / CSIRT / SOC
Computer (Security Incident) Response Team / Security Operations Center — das defensive Team.
TLP Traffic Light Protocol
Standard für Informationsaustausch — regelt, wer welche Info erhalten darf. Details in Abschnitt 06.
TTP
Tactics, Techniques & Procedures — Vorgehensweisen der Angreifer (→ MITRE ATT&CK).
IoC Indicator of Compromise
Hinweis auf eine potenzielle Kompromittierung — IP, Domain, Hash, o.ä.
Activity Group
Menge von Ereignissen, verknüpft durch Ähnlichkeit — Clustering von IoCs, Intrusions, TTPs und/oder Victims.
Incident Response
Reaktion auf ein sich entwickelndes oder fortgeschrittenes Sicherheitsvorkommen.

CIA-Schutzziele (NIST)

C
Confidentiality
Vertraulichkeit — autorisierte Zugriffsbeschränkung und Schutz vor unbefugter Offenlegung.
I
Integrity
Integrität — Schutz vor unzulässiger Änderung/Zerstörung, Sicherstellung von Authentizität.
A
Availability
Verfügbarkeit — zeitnaher und zuverlässiger Zugriff auf Informationen und Systeme.
Wichtig: Accountability ist kein CIA-Ziel — CIA umfasst ausschließlich Confidentiality, Integrity, Availability. Accountability zählt zu erweiterten Modellen (Parkerian Hexad, IAS-Octave u.a.).

Wann liegt ein IT-Security Incident vor?

NIST-Kerndefinition: Ein Incident liegt vor, wenn C, I oder A verletzt wird oder potenziell verletzt werden könnte — Absicht oder tatsächlicher Schaden sind nicht Voraussetzung.

Sliding Scale of IT-Security (SANS / Robert M. Lee)

Fünf Kategorien von IT-Sicherheitsinvestitionen. Bedeutung und Kosten steigen von links nach rechts; jede Kategorie baut auf der vorherigen auf — außer Offense, das primär Regierungen vorbehalten und rechtlich riskant ist.

01
Architecture
Netzwerkdesign, Patches, Secure Coding, ISMS
02
Passive Defense
Firewalls, AV, IDS/IPS, ohne konstante Interaktion
03
Active Defense
Analysten überwachen, reagieren, lernen — inkl. IR
04
Threat Intelligence
Wissen über Angreifer generieren und konsumieren
05
Offensive
Legal Countermeasures, Graubereich, kaum einsetzbar
Kernaussage: Incident Response ist kein Backup-Plan, sondern ein fundamentaler, permanenter Teil der Verteidigung — Teil der Active-Defense-Kategorie. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wie gut reagiert wird.
02

Angreifer & Angriffsmodelle

Cyber Kill Chain, Erweiterungen, Unified Kill Chain

Cyber Kill Chain (Lockheed Martin, deterministisch)

01
Recon
Ziele identifizieren, Infrastruktur aufklären
02
Weaponization
Angriffsvektor und Werkzeuge vorbereiten
03
Delivery
Ersten Angriffspunkt zustellen
04
Exploitation
Schwachstelle ausnutzen — Target → Victim
05
Installation
Persistenz herstellen, Zugang obfuszieren
06
C2
Opfer kontaktiert Angreifer-Infrastruktur
07
Actions & Objectives
Lateral Movement, Exfiltration, Zielerreichung
  • Alle 7 Phasen müssen durchlaufen werden; Kompromittierung ist erst mit Phase 7 vollständig
  • Verteidigung erfolgt über alle Phasen — je früher die Erkennung, desto mehr Handlungsspielraum
  • Kernfrage des Modells: „Wie kam der Angreifer ins Netzwerk?“ — nicht, was danach passiert
ProsCons
Strukturiert Angreiferverhalten; klar abgegrenzte Phasen; integriert IntelligencePhasen nur einmal durchlaufbar (keine Loops); oft unrealistisch; zu grob

Erweiterungen im Überblick

ModellKernänderungLoops?
LaliberteWeaponization entfernt, Lateral Movement zw. C2 und Actions ergänztNein
Nachreiner 3.0C2, Lateral Movement & Pivoting zusammengefasst; Defender in jeder Phase verantwortlichNein
Bryant et al.Fokus auf späte Phasen, Phase/Task/Sensor-Mapping, +ExfiltrationNein
Malone ExpansionErste substanzielle Verbesserung: Spiralmodell (Recon→Escalation→Exploit→Lateral Movement→zurück)Ja (Spirale)

Unified Kill Chain (vereint alle Modelle, iterativ)

Phase 1 · 8 Schritte
IN
Perimeter brechen: Recon, Resource Dev., Delivery, Social Engineering, Exploitation, Persistence, Defense Evasion, C2.
Phase 2 · 6 Schritte
THROUGH
Netzwerk traversieren: Pivoting, Discovery, Privilege Escalation, Execution, Credential Access, Lateral Movement.
Phase 3 · 4 Schritte
OUT
Ziele ausführen: Collection, Exfiltration, Impact, Objectives.
Kritisch: „Once ‘In’ is passed, defenders are in (huge) trouble.“ Sobald der Perimeter überwunden ist, verschlechtert sich die Lage drastisch — frühe Erkennung ist entscheidend.
ModellPrimäre Anwendung
Cyber Kill Chain (Original)Frühe IR-Stadien — initialen Zugang verstehen, aktive Netzwerkverteidigung
Unified Kill ChainPost-Incident-Analyse — detaillierte Untersuchung des gesamten Verlaufs, Modellierung spezifischer Angreifer
03

Threat Intelligence

Intelligence Lifecycle, IoCs, Pyramid of Pain, Intelligence-Ebenen

Was ist ein Threat?

Eine Bedrohung entsteht erst, wenn drei Aspekte zusammenkommen — fehlt einer, ist es nur Potential, nicht Threatening:

Hostile Intentions
Hat der Akteur die Motivation, uns anzugreifen?
Opportunities
Existieren nutzbare Schwachstellen? Ist das Ziel erreichbar?
Abilities
Verfügt der Akteur über technische/personelle Mittel?

Von Daten zu Intelligence

Data+ Processing & EnrichmentInformation+ AnalysisIntelligence
Merksatz: IoC − Kontext = bloßes Datum. „51.11.32.85“ allein ist nur eine IP; erst mit Kontext „C2-Server“ wird sie zum IoC.

Intelligence Lifecycle

01
Planning & Direction
Fragen definieren
02
Collection
Möglichst viele Quellen sammeln
03
Processing
Normalisieren, indexieren, anreichern, filtern
04
Analysis
Charakterisieren, Verbindungen finden
05
Dissemination
Adressatengerecht teilen
06
Feedback
Frage beantwortet? Sonst neue Runde

3 Typen von IoCs

Atomic
Nicht weiter zerlegbar, bleibt im Kontext erhalten. Bsp.: IPs, E-Mail-Adressen.
Computed
Aus Incident-Infos abgeleitet/berechnet. Bsp.: Hash-Werte, RegEx, SNORT-Rules.
Behavioral
Kombination von Atomic IoCs zu komplexen Verhaltensmustern.

IoC-Lebenszyklus: Uncovered → Used → Passive → Aged → Report/Retire — bestimmt allein durch den Angreifer.

Pyramid of Pain (David Bianco)

Je höher der erkannte IoC-Typ in der Pyramide liegt, desto schmerzhafter ist es für den Angreifer, ihn zu ändern — und desto wertvoller für die Verteidigung.

TTPs
Tough & tedious
Tools
Challenging
Network & Host Artifacts
Extensive
Domains
Simple
IP Addresses
Light
Hashes
Trivial

3 Ebenen der Intelligence

EbeneCharakterBeispiele
TacticalHochgradig vergänglich, unterstützt IR direktIoCs, Phishing-Mails, Domains, Patches
OperationalZeitkritisch, weitreichend, mehr KontextKampagnen-Reichweite, weitere Ziele
StrategicJahre der Analyse, nationale/politische TrendsAngreifer-Trends, neue TTPs, Architekturbedarf

4 Typen der Threat Detection

Modeling
Unknown Threat + Unknown Environment — Baselining, Anomalie-Erkennung.
Threat Behaviours
Unknown Threat + Known Environment — Verhaltensanalyse: was ist anders?
Configuration Analysis
Known Threat + Unknown Environment — bekannte Schwachstellen in unbekannt konfigurierter Umgebung.
Indicators
Known Threat + Known Environment — klassisches IoC-Matching.
04

MITRE ATT&CK

14 Taktiken · 236 Techniken · attack.mitre.org

TTP-Konzept

TACTICS
Warum?
Taktisches Ziel einer Aktion. Bsp.: „Credential Access“.
TECHNIQUES
Wie?
Konkrete Methode. Bsp.: „Brute Force“ → Sub-Technique „Password Spraying“.
PROCEDURES
Womit?
Konkrete Implementierung durch einen bestimmten Angreifer.

ID-Schema: Tactic TA00XX · Technique T1XXX · Sub-Technique T1XXX.00X

Die 14 Taktiken der Enterprise Matrix

IDTaktik#Techn.Ziel
TA0043Reconnaissance10Informationen für die Angriffsplanung sammeln
TA0042Resource Development8Eigene Infrastruktur und Ressourcen aufbauen
TA0001Initial Access10Ersten Fuß ins Zielnetzwerk setzen (Phishing T1566, Exploit Public-Facing App T1190)
TA0002Execution14Angreifer-kontrollierten Code ausführen (T1059)
TA0003Persistence20Zugang über Neustarts hinweg erhalten (Webshells T1505.003)
TA0004Privilege Escalation14Höhere Berechtigungen erlangen
TA0005Defense Evasion44Erkennung vermeiden — größte Taktik im Framework
TA0006Credential Access17Zugangsdaten stehlen (OS Credential Dumping T1003, Mimikatz)
TA0007Discovery32Wissen über Systemumgebung gewinnen (Living off the Land)
TA0008Lateral Movement9Horizontal durch das Netzwerk bewegen (RDP, SMB, SSH — T1021)
TA0009Collection17Daten für Exfiltration sammeln
TA0011Command & Control18Kommunikation mit kompromittiertem System aufrechterhalten
TA0010Exfiltration9Gesammelte Daten aus dem Netzwerk schleusen
TA0040Impact14Manipulieren, stören, zerstören (Ransomware T1486)
Hinweis: Die Reihenfolge spiegelt den typischen Angriffsablauf, ist aber keine strikte Sequenz — Angreifer springen zwischen Taktiken oder führen mehrere parallel aus.

Wichtige Techniken (Auswahl)

T1566 Phishing (+ Spearphishing Attachment/Link/Service/Voice) · T1190 Exploit Public-Facing Application
T1003 OS Credential Dumping (Mimikatz, NTDS.dit) · T1110 Brute Force (Password Spraying)
T1053 Scheduled Task/Job · T1505.003 Web Shell (Persistence)
T1059 Command & Scripting Interpreter (PowerShell, cmd) · T1486 Data Encrypted for Impact (Ransomware)

Warum TTPs für IR entscheidend sind

  • TTPs liegen in der Pyramid of Pain ganz oben — höchster Verteidigungswert; für den Angreifer am teuersten zu ändern
  • Forensische Analyse: gefundene Artefakte lassen sich konkreten ATT&CK-Techniken zuordnen → strukturierte Untersuchung
  • Threat Hunting: Hypothesen anhand bekannter TTPs eines Threat Actors aufstellen
  • Reporting: standardisierte ATT&CK-IDs erleichtern die Kommunikation zwischen CERTs
  • ATT&CK ist die gemeinsame Sprache der IT-Sicherheitsgemeinschaft — Unified Kill Chain ist teilweise davon abgeleitet
05

Der IR-Prozess

Lifecycle, Teams, 7Ds, Course of Actions, Prinzipien

IR Process (Gerard Johansen, 6 Phasen)

01
Preparation
Plan, Training, Tools, Übungen
02
Detection
SIEM, Events, Nutzer als erste Indikatoren
03
Analysis
Root Cause ermitteln, Angreiferaktionen rekonstruieren
04
Containment
Eindämmen — parallel zur Analyse!
05
Eradication & Recovery
Angreifer rauswerfen, Systeme wiederherstellen
06
Post-Incident
Review, Lessons Learned
Wichtig: Containment begrenzt die Fähigkeiten des Angreifers (parallel zur Untersuchung, Angreifer möglichst nicht warnen). Eradication wirft ihn tatsächlich raus — ein koordinierter Einmal-Aufwand, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist.

IR Cycle (erweitertes Modell) ergänzt zwei Punkte: Scoping (bestimmt den Untersuchungsumfang) und Intelligence Development (in die Containment-Phase integriert, verhindert Fehlentscheidungen).

Die 4 Kernrollen im IR-Team

IR Lead
Koordination, Kommunikation, einziger Stakeholder-Ansprechpartner.
Incident Analyst
Threat Hunting, Triage, Deep Dive Forensics, Containment-Unterstützung.
Malware Analyst
Analysiert Malware — Ergebnis: C2-Adressen, IoCs, YARA-Rules.
Intelligence Analyst
Liest alle Untersuchungsdaten, berät Analysten und Lead, kuratiert IoCs.

SOC vs. CERT vs. IT-Forensics-Team: SOC = zentrale operative Defensive (Passive Defense Technology). CERT/CSIRT = Forschung, Erkennung, IR — zentraler Ansprechpartner. IT-Forensics = Beweissicherung und -analyse, meist nicht im Tagesbetrieb.

Die 7 Defenses (7Ds) (Hutchins, Cloppert & Amin)

In jeder Kill-Chain-Phase stehen dem Defender diese Maßnahmen zur Verfügung — abgebildet in einer Course-of-Actions-Matrix (Phase × 7D):

Discover
Vergangene Angreiferaktionen identifizieren.
Detect
Aktuelle Aktivitäten erkennen.
Deny
Zugriff auf kritische Komponenten verhindern.
Disrupt
Kommunikation/Ressourcen des Angreifers unterbrechen.
Degrade
Effektivität und Effizienz reduzieren.
Deceive
Falsche Informationen liefern (Honeypots).
Destroy
Infrastruktur zerstören — Achtung: kann illegal sein!

Merkhilfe: 3× „Di“ (Discover, Detect, Disrupt) + 2× „De“ (Deny, Degrade) + 2× „D“ (Deceive, Destroy).

Digital Forensics — im Kontext von IR

Klarstellung: „Forensics is the retrospective on tasks an adversary has performed. If forensics is sufficient, most likely defenders lost.“ Forensik ist ein Teil des IR — nicht sein Ersatz. Details der forensischen Methodik sind bewusst nicht Teil dieses Cheatsheets.
  • Regel 1 & 2 der Forensik: 4-Augen-Prinzip · Beweise nicht verändern
  • Timelines vs. Kill Chains: Timelines rekonstruieren rückblickend, Kill Chains unterstützen laufende Incidents flexibler — beide sind ineinander konvertierbar

Triage — 3 Schweregrade

LevelCharakteristik
LowUnannehmlichkeiten/wiederherstellbare Schäden, kaum Business-Impact
ModerateBeschädigung ersetzbarer Informationen ohne vollständige Kompromittierung, signifikante Unterbrechung möglich
HighVerlust kritischer/strategischer Informationen, weitreichender Kontrollverlust, Imageschäden

5 Key Principles erfolgreichen IR

Visibility
Horizontal (% Maschinen) und vertikal (Tiefe der Einblicke).
Efficiency
Ressourcen gezielt einsetzen — jede Investition braucht eine Leitfrage.
Technical Skills
Tools, TTPs, Artefakte kennen — normal vs. ungewöhnlich vs. bösartig unterscheiden.
Documentation
Alles sofort dokumentieren — Schlüssel für Stakeholder- und Budget-Management.
„Never do anything without a guiding question.“ — Grundprinzip des Ressourceneinsatzes im IR.
06

Kommunikation im Incident

Informationsflussmodelle & Traffic Light Protocol 2.0

Bell-LaPadula vs. Biba

AspektBell-LaPadulaBiba
SchutzzielConfidentialityIntegrity
ReadNo Read UpNo Read Down
WriteNo Write DownNo Write Up

Merktrick: Bell-LaPadula = „keine Geheimnisse nach unten, keine Spionage nach oben“. Biba = gespiegelt — „kein Lesen aus unsicheren Quellen, kein Schreiben nach oben“.

Das IR-Kommunikationsdilemma

Intelligence-driven IR lebt vom Informationsaustausch — aber nur an vertrauenswürdige Stellen, ohne dass Angreifer mitlesen. Militärische Klassifikation (VSA) skaliert dafür schlecht. Lösung: Kontext wechseln — wer muss die Information gerade wissen? → Traffic Light Protocol.

TLP 2.0 — die vier Labels

TLP:RED
Nur für die Augen des individuellen Empfängers — keine Weitergabe. Für Informationen, die Privatsphäre, Reputation oder Betrieb gefährden würden.
TLP:AMBER + AMBER-STRICT neu in 2.0
Eingeschränkte Weitergabe nach Need-to-know innerhalb der Organisation (+ Kunden). AMBER-STRICT: nur die eigene Organisation, kein Teilen mit Kunden.
TLP:GREEN
Weitergabe innerhalb der eigenen Community (z. B. IT-Security-Community, andere CERTs) — Awareness schärfen.
TLP:CLEAR früher WHITE
Keine Beschränkungen — Weitergabe an die ganze Welt, minimales Missbrauchsrisiko.

Die 6 TLP-Prinzipien

  1. Es gibt Abstufungen bei Verarbeitung und Weitergabe — das Label
  2. Der Sender definiert das Label und bringt es sichtbar an
  3. Alle übermittelten Informationen werden diesem Label zugeordnet
  4. Sender ergänzt Informationen mit einem TLP-Informationsblatt
  5. Der Empfänger akzeptiert das Label und hält die Klassifikation ein
  6. Bei Verstoß: Empfänger gilt als nicht mehr vertrauenswürdig → nur noch TLP:CLEAR-Niveau

Fallbeispiel: gleiche Situation, gestufte Kommunikation

LabelEmpfängerFormulierung
REDFührungsebene, BeteiligteVoller Scope inkl. Namen, Systeme, Angreifer-Identität
AMBEROrganisation + betroffene KundenBetroffenes System, Handlungsbedarf — keine Namen, kein Angreifer
GREENIT-Security-Community, CERTsSchwachstelle + IoCs — kein Personen-/Systembezug
CLEARÖffentlichkeit, PresseNur „eingeschränkt verfügbar“, keine operativen Details
Kernerkenntnis: Der Sender ist für die korrekte Klassifikation verantwortlich. Je sensibler die Information, desto höher das Label und desto kleiner der Empfängerkreis.
07

Diamond Model

Core & Meta Features, Pivoting, Activity Threads & Groups

uses develops deployed via connects to exploits Adversary Capability / TTP Victim Infra- structure

Warum ergänzend zur Kill Chain?

Die Kill Chain qualifiziert gesammelte Intelligence nicht ausreichend. Das Diamond Model fügt Tiefe hinzu: jedes Datenstück eines Angriffs lässt sich auf eine der vier Ecken abbilden — das ermöglicht Single- und Cross-Intrusion-Analyse. Es ersetzt die Kill Chain nicht, sondern ergänzt sie.

Die 4 Core Features

Adversary
Operator (führt die Intrusion durch) + Customer (profitiert davon). Bei Entdeckung meist leer — am schwersten zu ermitteln.
Capability / TTP
Tools und Techniken — entspricht MITRE ATT&CK. Arsenal (alle Capabilities) vs. Capacity (ausnutzbare Schwachstellen). C2 ist eine Capability, keine Infrastructure.
Infrastructure
Type 1: dem Angreifer gehörend. Type 2: kontrolliert von einem (un)wissentlichen Intermediär — Risiko für Fehlattribution.
Victim
Persona (Ziel-Person/-Organisation) vs. Asset (Angriffsfläche). Ein Victim Asset kann gleichzeitig als Infrastructure für weitere Events dienen.

6 Meta Features

  • Timestamp — Start/Ende, ermöglicht zeitliche Gruppierung
  • Phase — Verknüpfung mit der Kill-Chain-Phase
  • Result — Post-Bedingungen, oft beschreibbar via CIA
  • Direction — Netzwerkrichtung, relevant für Mitigation
  • Methodology — allgemeine Klasse der Aktivität
  • Resources — Software, Knowledge, Information, Hardware, Funds, Facilities, Access

Jedes Feature trägt einen eigenen Confidence Value (0–100 %, Sherman-Kent-Skala).

7 Axiome (Kern)

  • Axiom 1: In jedem Event nutzt ein Adversary eine Capability über Infrastructure gegen ein Victim, um ein Ergebnis zu erzielen
  • Axiom 6: Zwischen Adversary und Victim besteht immer eine Beziehung — und sei sie noch so indirekt
  • Axiom 7: Ein Persistent Adversary (APT) hält Effekte über Zeit aufrecht und widersteht Mitigationsversuchen

Pivoting — vier Ansätze

Pivot-TypStartpunktSchwierigkeit
Victim-centeredVictim-BeobachtungenEinfach — typischer IR-Einstieg
Capability-centeredMalware/ExploitMittel — TI-Analyse nötig
Infrastructure-centeredIPs/DomainsMittel — aus Logs extrahierbar
Adversary-centeredBekannter Threat ActorSchwer — nur bei 100 % Sicherheit sinnvoll

Wahrscheinlichkeiten entlang eines Pfades werden multipliziert: P(Pfad) = p₁ × p₂ × … × pₙ. Bei mehreren Pfaden gilt immer der stärkste (höchste Wahrscheinlichkeit).

Drei Analyse-Konzepte für komplexe Investigations

Activity Threads
Phasengeordneter Graph über mehrere Events eines Victims. Knoten = Event, Kante = Beziehung. Solid = bekannt, gestrichelt = Hypothese.
Activity-Attack Graphs
Kombiniert bekannte und hypothetische Events — antizipiert künftige Angreiferschritte, mappt in die CoA-Matrix (7Ds).
Activity Groups
Events/Threads, verknüpft durch Ähnlichkeit (nicht kausal!) — Grundlage der Threat-Actor-Attribution.

Vertikale Korrelation füllt Lücken innerhalb eines Threads. Horizontale Korrelation verknüpft zwischen Threads verschiedener Victims und deckt gemeinsame Merkmale (Modus Operandi) auf.

08

Hypothesen & Entscheidung

Satisficing, seine Schwächen, und Analysis of Competing Hypotheses (ACH)

Optimal vs. suboptimal

Optimale Strategien garantieren das beste Ergebnis, sind aber rechenintensiv und overfitten leicht bei wackligen Modellannahmen. Suboptimale Strategien liegen unter dem Optimum, sind aber oft gut genug und schneller anwendbar — im IR häufig die pragmatischere Wahl (Analogie: John Snows Cholera-Kartierung 1854 — kein Beweis, aber richtiges Handeln).

Satisficing (satisfying + suffice)

Die Standardmethode der meisten Analysten: die erste „gut genug“ erscheinende Hypothese wählen, statt alle Alternativen systematisch zu prüfen.

1
Wahrscheinlichste Hypothese gemäß Situation identifizieren
2
Daten gemäß dieser Hypothese sammeln
3
Hypothese akzeptieren, wenn Daten einen vernünftigen Fit liefern
4
Andere Hypothesen nur oberflächlich prüfen

Die drei Schwächen des Satisficings

Selective Perception
Die Hypothese wirkt als Wahrnehmungsfilter — man sieht, was man sucht, und übersieht den Rest.
Fehlende Hypothesengeneration
Die richtige Antwort wird übersehen, wenn sie gar nicht erst als Hypothese betrachtet wurde.
Mangelnde Diagnostizität
Ohne vollständigen Hypothesensatz lässt sich nicht bewerten, wie aussagekräftig ein Beweis wirklich ist.

Analysis of Competing Hypotheses (ACH)

Strukturierte Gegenmaßnahme zu den Satisficing-Schwächen: alle vernünftigen Hypothesen explizit identifizieren und gegeneinander konkurrieren lassen — statt sie einzeln nacheinander zu bewerten.

1
Hypothesen identifizieren — Brainstorming, generieren statt bewerten. Unbewiesen ≠ widerlegt: unbewiesene Hypothesen nicht vorschnell ablehnen.
2
Beweise auflisten — alle relevanten Beweise, Argumente und eigenen Annahmen breit sammeln.
3
Matrix erstellen — Hypothesen in Spalten, Beweise in Zeilen; zeilenweise auf Konsistenz/Inkonsistenz/Irrelevanz prüfen.
4
Refinement — Hypothesen und Beweise überdenken und anpassen.
5
Tentative Conclusion — jetzt spaltenweise arbeiten, Minuses zählen: die Hypothese mit den wenigsten Minuses gewinnt.
6
Sensitivitätsanalyse — Schlüsselannahmen hinterfragen, die das Ergebnis dominieren.
7
Conclusions — Confidence Value zuweisen, Bericht schreiben und Stakeholder briefen.
8
Milestones — im Voraus festlegen, welche künftigen Ereignisse das Urteil ändern würden.
Diagnostizität: Ein Beweis, der zu allen Hypothesen konsistent ist, hat keinen diagnostischen Wert — er hilft nicht, zwischen ihnen zu unterscheiden. Gesucht werden Beweise, die Hypothesen trennen.
Die Matrix trifft nicht die Entscheidung — der Analyst entscheidet. Das Ergebnis von Schritt 7 fließt direkt als Confidence Value in die Kanten des Diamond Models ein.